‚Bevor ich auf die Schwerpunkte der Systemischen Therapie, meines Steckenpferdes, eingehe, möchte ich einen kurzen Blick auf ihre Entwicklung werfen.
Schon antike Philosophen wie Platon beschäftigten sich mit der Seele und ihren Auswirkungen auf den Menschen. Auch im alten Ägypten finden wir Hinweise auf psychische Erkrankungen. Als wissenschaftliche Disziplin entwickelte sich die Psychotherapie erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Man ordnete Gefühle wie Wut, Trauer, Angst oder Scham eher den Tieren zu, betrachtete sie also als eher niedrigen Ursprungs. Erst in den 1980er Jahren rückte die Bedeutung in der Ausbildung der Psychologiestudenten wesentlich stärker in den Mittelpunkt. Noch in den 60er Jahren, wurden Babys teilweise ohne ausreichende Schmerzbehandlung operiert, weil man deren Schmerzensschreie als Reflexe deutete und sie sich später daran nicht mehr erinnern würden. Heute wissen wir, welche Bedeutung frühe traumatische Erfahrungen auf die Entwicklung eines Menschen haben
Die von Sigmund Freud entwickelte Psychoanalyse stellte den Menschen in den Mittelpunkt und machte unbewusste Prozesse sichtbar, zielte aber auf die gedankliche Verarbeitung, ohne dass jedoch die Gefühle dabei eine wesentliche Rolle spielten. Daraus entwickelten sich später die Gesprächstherapie und die kognitive Verhaltenstherapie. Diese drei Therapieformer sind die, deren Kosten heute von den Krankenkassen übernommen werden.
In den 50er Jahren verließen einige Pioniere dieses Feld der Einzelarbeit auf der berühmten Couch.
Es entstand die Systemische Therapie: Die Systemiker betrachteten den Menschen als Teil eines größeren Ganzen. Familie, Partnerschaft, Beruf oder andere soziale Beziehungen beeinflussen unser Erleben und Verhalten und unsere Gefühle. Der Mensch wird daher nicht isoliert betrachtet, sondern Wahrnehmung, dem Verständnis und dem Ausdruck von Gefühlen.
An der Systemischen Therapie schätze ich besonders ihre ressourcen- und lösungsorientierte Haltung. Im Mittelpunkt stehen nicht Defizite und Diagnosen, sondern die Fähigkeiten, Stärken und Möglichkeiten eines Menschen. Gemeinsam suchen wir nach Wegen, vorhandene Ressourcen wiederzuentdecken und neue Perspektiven zu entwickeln. Denn oft tragen wir die Lösungen bereits in uns- manchmal sind sie nur durch belastende Erfahrungen, alte Verletzungen oder festgefahrene Überzeugungen verdeckt.
Desstruktive Verhaltensweisen waren ursprünglich Strategien, um schwierige Situationen zu bewältigen. Aus systemischer Sicht hatte jedes Verhalten zu dem Zeitpunkt, an dem es entstand, eine wichtige Funktion. Was heute belastet, war oft einmal eine sinnvolle Strategie, um schwierige Situationen zu bewältigen. Wenn diese ursprüngliche Leistung gewürdigt wird, fällt es häufig leichter, alte Muster loszulassen und neue Wege zu gehen.
Ein Beispiel: Ein Kind, das mit einem gewalttätigen Vater aufwächst, lernt vielleicht, möglichst unsichtbar zu werden, um sich zu schützen. Jahre später kann dieselbe Strategie in einem Vorstellungsgespräch oder in anderen wichtigen Situationen hinderlich sein. Was damals Schutz bedeutete, verhindert heute möglicherweise, gesehen zu werden.
Oft sind die vermeintlichen Fehlverhalten eine Rollenzuweisung des Ursprungssystems. Sie kennen vielleicht auch einen Menschen, der dir Rolle des „schwarzen Peters“ von seinem Familiensystem zugewiesen bekam und der diese Rolle immer wieder einnimmt, egal ob es im Büro, auf Reisen oder im Kegelklub ist. Aber es gibt auch Rollen, die besonders belastend sind, etwa die eines Menschen, der sich für alles verantwortlich fühlt oder glaubt, ständig etwas falsch zu machen. Es gibt auch noch die Rolle des Symptomträgers. Ist das Gleichgewicht in einem Familiensystem nachhaltig gestört, wird oft nur ein Mitglied – meistens eines der Kinder – auffällig. Auch in diesem Fall wird das Symptom nicht Störung verstanden, sondern als Fähigkeit oder Kompetenz gesehen, die versucht im System etwas auszugleichen.
Wenn ein Kind in der Familie die Rolle des Partners übernehmen musste, sind später Störungen in der Lebenspartnerschaft vorprogrammiert.
Ein weiterer wichtiger Grundsatz lautet: Wenn ich mich verändere, verändert sich auch das System. Dadurch entsteht die Erfahrung, den eigenen Lebensweg aktiv gestalten zu können, anstatt sich den Umständen ausgeliefert zu fühlen. Wenn Sie auf einer Party sind und im Kreis einiger Menschen stehen, dann machen Sie doch einmal den Versuch: Drehen Sie sich im 90 Grad. Sie werden erleben, wie sich die Gruppe sich formiert, sich alle drehen und wenden, bis sich alles wieder harmonisch anfühlt. Systeme sich immer selbstregulieren und streben nach Ausgleich und Harmonie. Sie entfalten dabei oft eine erstaunliche Selbstheilungskraft.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Arbeit ist außerdem die Annahme, dass der Mensch die Summe seiner verschiedenen Persönlichkeitsanteile ist. Viele Menschen kennen den inneren Kritiker, den Träumer, den Antreiber, den Schuldigen oder den Saboteur. Diese Anteile erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Sie wahrzunehmen und besser zu verstehen, eröffnet oft neue Wege zu mehr Selbstmitgefühl und innerer Balance. Bei der Arbeit mit Menschen, die unter einer Depression leiden, ist es oft schon heilsam zu erkennen, dass ein Persönlichkeitsanteil darunter leidet und nicht der ganze Mensch und dass es neben diesem Anteile noch vielfältige andere Persönlichkeitsanteile gibt, die oft erstaunlich Ressourcen bieten. Diese Haltung trennt das Problem von der Person.
Wir Systemiker fragen nicht: Warum ist das passiert? sondern: Wofür/Wozu dient das?
Die Frage nach dem Warum führt immer linear in die Vergangenheit. Die Frage nach dem Wofür ist immer zirkulär und offen.
Die systemische Sichtweise lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen. Ob in Familien, Partnerschaften, Organisationen oder innerhalb der eigenen Persönlichkeit – überall wirken ähnliche Gesetzmäßigkeiten.
Die Systemische Therapie erinnert mich jeden Tag daran, dass Menschen weit mehr sind als ihre Verletzungen, Ihre Ängste oder ihre Symptome. Hinter jeder Geschichte verbirgt sich ein Men mit einer eigenen Würde, einer eigenen Kraft, und der Fähigkeit, neue Wege zu beschreiten. Diese Überzeugung trägt meine Arbeit seit vielen Jahren – und sie erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude.